«Das Auge komponiert»

20.3.2017

Am 27. und 28. Januar 2017 fand das Symposium «Das Auge komponiert – Hermann Meier und das Verhältnis von Bild und Klang in der Musik nach 1945» an der Hochschule der Künste Bern statt. Das Symposium war eine Veranstaltung im Rahmen einer Forschungsarbeit über Hermann Meier an der Graduate School of the Arts in Bern.

Ausschnitt aus dem Grundplan zum Stück für Werner Heisenberg, 1968.
© Paul S
acher Stiftung, Basel, Sammlung Hermann Meier.

 

 

Der Solothurner Komponist Hermann Meier (1906–2002) ist heute einer der wichtigsten Vertreter der frühen Avantgarde der Schweizer Musik. Immer im Hintergrund bleibend, schrieb Meier Werke, die von Kritik und Korrektur «verschont» wurden und deswegen besonders originell sind und eine bestimmte Individualität behalten haben. Auch seine Kompositionstechniken waren äusserst eigenständig, grossformatig und oft farbenreich. 

 

Die wichtige Aufgabe, das Œuvre Hermann Meiers einem breiteren Publikum bekannt zu machen in der Hoffnung, dass seine Werke in Zukunft öfter einen Platz in den Konzerten der Schweizer Orchester und weiterer Musikerinnen und Musiker bekommen, war Motiv dieses Symposiums. Obwohl Meiers Musik selten zu seinen Lebzeiten aufgeführt wurde, war er sich seiner Zeitgenossenschaft bewusst. In seinem umfänglichen Schaffen befinden sich über zwanzig Orchesterwerke, die noch nie zur Aufführung kamen. Sein Kompositionsstil schien zu radikal für die damalige Schweizer Musiklandschaft. Erst in den 1980er-Jahren erblickten einige seiner Werke das Rampenlicht durch den Einsatz des Komponisten und Pianisten Urs Peter Schneider, der eine enge Zusammenarbeit mit Meier entwickelte. Andere wichtige Figuren in der Promotion von Meiers Musik sind der Pianist Dominik Blum und der Komponist und Verleger Marc Kilchenmann, auf wessen Initiative die Basel Sinfonietta zwei grosse Orchesterwerke Meiers in 2010 zur Aufführung brachte. (Die Schweizer Musikzeitung brachte dazu einen Artikel in SMZ 1/2010, S. 18 f., Anm. der Red.)

 

Hermann Meiers Nachlass befindet sich seit 2009 in der Paul-Sacher-Stiftung und wird seit 2013 im Forschungsprojekt Das Auge komponiert untersucht. Geplanter Abschluss der Forschung ist 2017, auch eine monografische Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn wird dann stattfinden.

 

Im Rahmen des zweitägigen Symposiums wurden Vorträge von Heidy Zimmermann (Paul-Sacher-Stiftung, Basel), David Magnus (Berlin), Pascal Decroupet (Nizza), Roman Brotbeck (Bern), Michel Roth (Basel), Marc Kilchenmann (Basel), Michelle Ziegler (Bern), Jörg Jewanski (Münster), Doris Lanz (Bern), Christoph Haffter (Basel) und Michael Harenberg (Bern) zur Musik Hermann Meiers und grafische Notation gehalten. 

 

Das vielfältige Programm der Vorträge sorgte für zwei abwechslungsreiche aber kompakte Tage. Im Fokus, natürlich, Hermann Meier, seine Werke, Kompositionstechnik und verschiedene Einblicke in Formen grafischer Notation.

 

Heidy Zimmermann reflektierte in ihrem Vortrag die Grundlagen von Meiers grafischen Arbeiten. In den meisten Fällen grafischer Notation überhaupt handelt es sich um bereits fertige, abgeschlossene Partituren, die Grafiken enthalten oder deren Notation grafisch ist. Bei Hermann Meier handelt es sich jedoch um die Benutzung der Grafik im Denkprozess selbst, also nicht im fertigen Produkt – der Partitur. Es war interessant, einen Einblick in Meiers kreativen Schaffensprozess zu bekommen und einige seiner grafischen Arbeiten, die sich in der Paul-Sacher-Stiftung befinden, sehen zu können. 

 

An Beispielen von Partituren der Nachkriegsavantgarde erklärte David Magnus verschiedene grafische Notationen, die bei jedem Komponisten unterschiedlich sind und sich oft auch keiner Gattung zuordnen lassen. Im Fokus standen der griechische Komponist Anestis Logothetis und seine Notation, deren Endprodukt – die Partitur – ganz im Gegensatz zu Hermann Meier, ein grafisches System ist, das bei jedem erneuten Lesen ein anderes Klangbild ergeben kann. 

 

Besonders interessant war Pascal Decroupets Vortrag über die Rolle der bildhaften und grafischen Skizzen bei seriellen und postseriellen Komponisten. Nach 1945 gab es wesentliche Neuordnungen in den Bereichen Klang und Zusammenhang. Neue Ideen führten zu neuen Darstellungsformen, der Raum wurde nun zum selbständigen Parameter, elektronische Musik, Aleatorik und erweiterte Spieltechniken brauchten neue visuelle Lösungen. Neben Beispielen aus der Musik von Pierre Boulez, war im Fokus des Vortrags Stockhausens Meisterwerk Gruppen

 

Roman Brotbeck befragte das Verhältnis zwischen Wladimir Vogel und seinem Schüler Hermann Meier. Vogel hatte mit Meier einen intensiven Kontakt, der später verblasste; nach fünf Jahren scheiterte der Unterricht. Verglichen wurden Meiers Klavierstück von 1947 und Werke anderer Vogel-Schüler. Es stellte sich heraus, dass Meier seinen eigenen Stil aufrechterhielt. Auch unter dem Einfluss von Wladimir Vogel sieht Meier Dodekafonie nicht als Endziel, sondern als Durchgangsstadium, er komponiert nicht nur mit der Reihe sondern «über die Reihe» – wie eine Überwindung des abstrakten Konstruktivismus, mal strukturiert, mal verspielt im Kontext. 

 

Michel Roth lieferte ein Leseprotokoll sämtlicher Orchesterwerke Hermann Meiers, das wie ein eindeutiges Statement über Meiers enormes Opus schien.

 

Marc Kilchenmann beschäftigte sich in seinem Referat mit der Rolle der grafischen Pläne im Kompositionsprozess bei Hermann Meier. In Meiers Nachlass befinden sich ca. 150 grafische Pläne und 300 Skizzen in Arbeitsheften. Mit der Zeit wurden Meiers Pläne zunehmend komplexer und vielschichtiger. Der Vortrag erklärte die Relevanz der Entwicklung von Meiers Grafiken im Hinblick auf sein kompositorisches Schaffen.


Michelle Ziegler, deren Dissertation zum Klavierwerk Hermann Meiers im Rahmen des Forschungsprojekts Das Auge komponiert entstand, beschäftigte sich mit Meiers elektronischer Schaffensphase anhand der Komposition Klangflächengefüge oder Wandmusik für Hans Oesch (1970–71) und des zweiten Stücks für zwei Klaviere, zwei Cembali und zwei elektrische Orgeln (1973). Meiers Schaffen ist in verschiedene Phasen eingeteilt: die 1950er-Jahre wurden ergänzt durch Orchesterwerke, die 1960er durch Musik für Tasteninstrumente. Meiers Phase für elektronische Musik ist eindeutig den 1970er-Jahren zuzuordnen, obwohl er auch schon früher Interesse dafür zeigte. Nur eine seiner elektronischen Kompositionen wurde bis heute im Studio realisiert. 


Jörg Jenawski sprach über Beziehungen von Musik und Malerei im 20. Jahrhundert, ausgehend von Monika Finks acht Möglichkeiten einer Bildvertonung (1988) und öffnete die Frage, ob Hermann Meier eine ähnliche Beziehung in seinem Schaffen hatte: Meiers Interesse zur bildenden Kunst (vor allem seine Vorliebe für Mondrians Werke), Architektur, Besuche prägender Ausstellungen, Meiers Unterricht bei Wladimir Vogel mit Bezügen zur bildenden Kunst (auch das Thema des Vortrags von Doris Lanz) – all das weist darauf hin, dass die Tonbewegungen in seinen Partituren wie malerische Bewegungen und Farbflächen als Instrumentengruppen verstanden werden können. 


Die Vorträge von Christoph Haffter und Michael Harenberg beschäftigten sich mit konkreten Werken Hermann Meiers, den Orchesterwerken der 60er-Jahre, den avantgardistischen Bestrebungen die diese Zeit mit sich brachte (Haffter) und dem einzigen elektronischen Werk, das im Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWR in Freiburg realisiert wurde (Harenberg). Haffter zeigte am Beispiel des Orchesterstücks von 1986, wie Meier sich mit kompositorischen Problemen auseinandersetzt und wie sich seine Lösungen von Komponisten seiner Zeit unterscheiden. Michael Harenberg sprach über die Voraussetzungen, mit denen Hermann Meier in der Realisation seines elektronischen Stückes konfrontiert war. 


Auch ein Gespräch mit den Zeitzeugen Urs Peter Schneider und Dominik Blum, moderiert von Florian Hauser, wurde vom SRF2 Kultur aufgenommen und gab den Zuhörern einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit Meiers, seine Zusammenarbeit mit Schneider und Blum, aber auch sein hohes Mass an Selbstkritik. 


Bemerkenswert war das Konzert des Pianisten Gilles Grimaître mit Werken von Hermann Meier (davon eine Uraufführung – das Klavierstück aus 1947) und Galina Ustvolskaya. Das Konzertprogramm war eine spannende Mischung verschiedener Extreme: von beispielhafter, fast bescheidener Zwölftontechnik in Meiers Klavierstück aus 1947 und geladener Spannung in Ustvolskayas Sonate Nr. 1, bis hin zum Brodeln und Ticken des Klavierstücks aus 1987 und den gnadenlosen, bebenden Clusterakkorden in Ustvolskayas sechster Sonate, die den Saalboden erzittern liessen. 


Das Symposium Das Auge komponiert war sehr erfolgreich und ist dem Ziel, das Werk Hermann Meiers der Öffentlichkeit bekannter zu machen, einen Schritt nähergekommen. Interessant gestaltet, mit Themen, die sowohl Hermann Meier als aussergewöhnlichen Komponisten präsentieren als auch einen guten Einblick in das allgemeine damalige Musikgeschehen und die Tendenzen zu Meiers Leb- und Schaffenszeiten gaben, hatte ich nach zwei Symposiumstagen das Gefühl, den Komponisten Hermann Meier nun ein wenig zu kennen, und bin gespannt, mehr von seiner bemerkenswerten Musik zu hören. Die Hoffnung ist nun, dass es auch in wichtigeren Kreisen genügend offene Ohren gibt, um den Namen Hermann Meier auch im Orchester-Repertoire zu platzieren und ihm, wie auch so vielen vergessenen, unentdeckten Komponisten eine Stimme zu geben und somit etwas Bedeutungsvolles, Nachdenkliches oder Wichtiges über deren (und unsere) Zeit zu sagen. Durch die (Wieder-)Entdeckung wertvoller Nachlässe, die uns unsere Kultur hinterlassen hat, haben wir die Chance, den Kanon, den wir weitergeben, weniger einseitig und oberflächlich zu hinterlassen. 
 

Die Symposiumsbeiträge werden anlässlich einer Meier-Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn im Herbst veröffentlicht.

 

Azra Ramić

 

Quelle: Schweizer Musikzeitung, 20.03.2017

 

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