«So etwas wie die Eigernordwand unter den Gipfeln schweizerischen Komponierens»

16.1.2018

Der Komponist Hermann Meier in der Solothurner Ausstellung «Mondrian-Musik»

 

Er ist weniger als ein weisser Fleck auf der Landkarte der neuen Musik. 1906 in Selzach bei Solothurn geboren, verbrachte Hermann Meier einen grossen Teil seines Lebens als Dorfschullehrer und fünffacher Familienvater in Zullwil (Kanton Solothurn). Nach dem Tod der Gattin und der Pensionierung zog er in die Romandie, von wo er in höchstem Alter nach Zullwil zurückkehrte. Dort ist er im Sommer 2002 gestorben. Dass sich Hermann Meier neben seiner soliden bürgerlichen Existenz als Komponist betätigte und zudem als einer, der höchst eigenwillig zur Spitze der damaligen Schweizer Avantgarde gehörte, davon weiss kaum jemand.

 

Von der Reihe zur Fläche

 

Seine Musik war lange so gut wie unbekannt; den Aufführungen standen die Schwierigkeiten ihrer klanglichen Realisierung im Weg. Auf Anraten Paul Sachers gab Meier 1949 seine erste Sinfonie für eine Orchesterleseprobe beim Schweizerischen Tonkünstlerverein ein. Die Musiker des Tonhalle-Orchesters Zürich sollen mit Gelächter und Gejohle reagiert, ihr Chefdirigent Volkmar Andreae beim Komponisten wortreich die Komplexität der Partitur gebrandmarkt haben. Auch Meiers Bemühungen beim Schweizer Radio oder beim Südwestrundfunk blieben ohne Ergebnis. Nachdem er von gewichtigen Entscheidungsträgern wie Rolf Liebermann oder Heinrich Strobel nur freundliche, aber eindeutige Absagen erhalten hatte, gab er das Geschäft auf. Nicht aber das Komponieren, das betrieb er weiter, wenn auch für die Schublade.

Bild Paul Sacher-Stiftung Basel

 

Und er tat es mit einer Intensität sondergleichen – so manisch, wie er alles aufschrieb, was ihm begegnete oder durch den Kopf ging: in säuberlich numerierten Schulheften, die er mit engzeiligen Notaten füllte. Über hundert Werke sind zwischen einem Stück für zwei Violinen von 1935 und letzten Skizzen aus dem Jahre 1999 entstanden. Nach Studien am Konservatorium und an der Universität Basel trat er in Kontakt mit Persönlichkeiten wie Albert Moeschinger und Erich Schmid, Wladimir Vogel und René Leibowitz. Hatte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Zwölftontechnik angeeignet, so ging er ab 1950, ganz auf der Höhe der Zeit, zur Serialität über – begann er also, nicht nur die Tonhöhen sondern auch die Tondauern, die Rhythmen und die Lautstärken mit Hilfe vordefinierter Reihen zu strukturieren.

 

Zur entscheidenden Wende kam es in den fünfziger Jahren, als Hermann Meier dem Künstler Max Bill begegnete und in einer Ausstellung des Zürcher Kunsthauses Piet Mondrian für sich entdeckte; auch die künstlerischen Sprachen von Paul Klee und Hans Arp zogen ihn an. Im Fahrwasser der Konkreten Kunst begann er sich vom System der herkömmlichen Aufzeichnung von Musik auf Notenlinien zu lösen. Sein Denken materialisierte sich in Feldern und deren geometrischen Anordnungen, und die Graphiken, die Meier dann jeweils wieder in konventionell notierte Partituren überführte, verwirklichten sich in einer Musik, in der Klangblöcke und Einzeltöne, aber auch improvisierte Passagen unvermittelt nebeneinander stehen. «Mondrian-Musik» nannte er die Werke aus dieser Schaffensphase. Kein Wunder, fand er von hier aus zur elektronischen Musik. Die «Klangschichten» für Tonband von 1976 brachten ihm ungewohnte öffentliche Resonanz ein, nämlich einen Preis des Kantons Solothurn und eine Aufführung dieses Stücks.

 

Auf dem Weg in die Öffentlichkeit

 

Eine neuerliche Hinwendung zur Instrumentalmusik führte 1983 der Bieler Pianist und Komponist Urs Peter Schneider herbei. Er bat Hermann Meier, den Entwurf eines elektronischen Stücks für zwei Klaviere einzurichten – was 1984 zu einer Uraufführung in der Berner Konzertreihe «Neue Horizonte» führte. In der Konzertankündigung schrieb Schneider damals durchaus treffend, Hermann Meier sei «so etwas wie die Eigernordwand unter den Gipfeln schweizerischen Komponierens.» Der Abend war auch so etwas wie der Startschuss zu einer zögerlichen, aber insistent vorangetriebenen Entdeckung des Komponisten. Schneider motivierte einige seiner Schüler wie den Zürcher Dominik Blum zum Studium von Meiers Werken; Blum hat denn auch 2000 bei Wandelweiser eine CD mit Musik Meiers vorgelegt. Dazu kam etwas später eine weitere CD auf dem inzwischen liquidierten Label «Musiques suisses» der Migros, auf der die Basel Sinfonietta unter Jürg Henneberger sowie das Ensemble Neue Horizonte Bern Orchesterwerke und Kammermusik Meiers aus den sechziger Jahren vorstellten. Langsam, langsam begann der Name in die Öffentlichkeit zu finden.

 

Und nun also: «Mondrian-Musik. Die graphischen Welten des Komponisten Hermann Meier». Die soeben eröffnete Ausstellung, welche die junge Zürcher Musikologin Michelle Ziegler für das Kunstmuseum Solothurn realisiert hat, bildet einen Höhepunkt in der Entdeckung Meiers – und im besten Fall einen Anstoss mit konkreten Folgen. Wie es dazu kam? 2009 übergaben die Kinder Hermann Meiers den Nachlass des Komponisten der Paul Sacher-Stiftung in Basel, wo die Musikwissenschafterin Heidy Zimmermann mit dessen Aufarbeitung betraut wurde. Das heisst: Sichtung, Ordnung, Erschliessung, Restaurierung – denn die Dokumente befanden sich teilweise in bedenklichem Zustand. Zwei Jahre später kam Michelle Ziegler dazu, die für eine Dissertation von Heidy Zimmermann auf Hermann Meier hingewiesen wurde. Aus dem Dissertationsthema wurde ein Unternehmen, das in Bern von der Forschungsabteilung der Hochschule der Künste und vom Institut für Musikwissenschaft an der Universität betrieben wurde; 2013 bis 2016 lief es unter der Leitung von Roman Brotbeck als Projekt des Schweizerischen Nationalfonds, dessen Ergebnisse die Ausstellung in Solothurn nun auslegt.

 

Denn, so Brotbeck, mit dem Abschluss von Projekt und Dissertation sollte es nicht zu Ende sein; die wissenschaftliche Arbeit sollte in die Öffentlichkeit ausstrahlen und Hermann Meier weiter bekannt machen. Das Kunstmuseum Solothurn mit seinem Konservator Christoph Vögele öffnete dem Vorhaben sein Graphisches Kabinett, die von Felix Meyer geleitete Paul Sacher-Stiftung besorgte die Aufbereitung des Materials und stellte weitere Leihgaben zur Verfügung, während eine Reihe von Geldgebern ein Rahmenprogramm ermöglichten, das den Komponisten fassbar machen soll. Dazu gehören Führungen, an die sich jeweils ein kurzes Konzert anschliesst, und andere Vermittlungsprojekte, dazu gehört aber auch ein Konzerttag zum Thema «Musik nach Bildern», bei dem sich Hermann Meier aus dem Kontext heraus klingend erleben lässt. Und nicht zuletzt ist zur Ausstellung ein von Heidy Zimmermann, Michelle Ziegler und Roman Brotbeck herausgegebener, reich illustrierter Katalog erhältlich, der, aus einem Symposion im Rahmen des Forschungsprojekts hervorgegangen, mit Grundlagen wie Biographie und Werkverzeichnis, aber auch mit einordnenden Betrachtungen aufwartet.

 

Stenogramm, Klebstreifen – und Musik zum Schauen

 

Grosszügig disponiert und zugleich hochinformativ ist die Ausstellung. Mit Photographien, Briefen, Zeitungsausschnitten lassen Vitrinen in den drei Räumen Leben und Persönlichkeit Hermann Meiers aufscheinen. Der Brief, mit dem der mächtige Heinrich Strobl dem Komponisten seine trockene Absage übermittelte, ist zu sehen, aber auch das Schreiben von Rolf Liebermann, aus dem trotz der Ablehnung Sympathie und Interesse hervorgehen – und natürlich darf auch die eindrucksvolle Unterschrift Paul Sachers nicht fehlen. Zu lesen ist auserdem, wie die Kritik, so etwas gab es damals noch, über die Orchesterleseprobe von 1949 schrieb. Mit einem leisen Erschrecken erblickt man eines der farbigen Diagramme Meiers vor der Restaurierung: auseinandergefallen, mit aufgebogenen Kanten, Rissen, Stücken vertrockneten Klebstreifens – wie solches auf dem Basler Münsterhügel von den dort tätigen Spezialisten aufbereitet wird, löst einmal mehr Bewunderung aus. Erheiternd nicht zuletzt der Fächer der Notizhefte und die Blätter mit den Notizen in jener Stenographie nach Stolze/Schrey, die sich die Musikforscherin zwecks Lektüre aneignen musste. Vielleicht hat sich da der Komponist in seinem Zullwiler Grab kurz ins Fäustchen gelacht.

 

Im Gang, der die drei Räume verbindet, wird der Kontext aufgezeigt. So wie er sich nach 1945 dem Denken in Reihen zugewandt hat, so stand Hermann Meier mit der Idee, seine klanglichen Vorstellungen in Graphik umzusetzen, keineswegs allein. Das zeigt eine Reihe grandioser Stücke aus der Paul Sacher-Stiftung, zum Beispiel die zarte Graphik, die Roman Haubenstock-Ramati zu seinen «Décisions» von 1961 zu Papier gebracht hat, oder der Ausschnitt aus dem Orgelwerk «Volumina» von György Ligeti. Dazu stellen sich in allen drei Räumen – nicht nur die ausgesprochen akkurate Notenhandschrift Meiers, sondern eben vor allem seine unglaublich schönen, tatsächlich an Mondrian erinnernden Diagramme. Mit ihren farbigen Rechtecken zeigen sie Verläufe der vom Komponisten imaginierten Musik an und vermitteln so einen Überblick über den formalen Verlauf. Zum Teil sind die Aufzeichnungen übereinander gelegt, zum Teil sind sie aneinander gehängt zu meterlangen Bändern – und wenn man sich auf die Blätter etwas einlässt, kann man sogar Strukturen erkennen, zum Beispiel Wiederholungen, Umkehrungen und dergleichen. Wer nicht zu glauben vermag, dass solches zu Musik führt, kann sich an einer Hörstation niederlassen. Da klingt dann, was an den Wänden farbig prangt.

 

«Mondrian-Musik». Die graphischen Welten des Komponisten Hermann Meier. Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn (bis 4. Februar 2018, Katalog im Chronos-Verlag, Zürich).

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