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Lebensdaten

29. Mai 1906
Geboren in Selzach/SO.
Aufgewachsen in Solothurn.
Ausbildung als Primarlehrer.
Unterricht in Klavier und Orgel

1926 – 1973
Lehrer der Gesamtschule, später der Oberschule
Zullwil/SO. Lehrer an der Fortbildungsschule
in Nunningen/SO
Unterricht als Klavierlehrer.
Dirigent von diversen Chören.

1929–1939
Weiterbildung Klavier am Konservatorium Basel
(heutige Musikakademie) bei Ella Leisinger-Schmidlin, ebenso Theorie und Komposition bei Ernst Müller; Musikwissenschaftliche Vorlesungen an der Universität Basel bei Prof. Dr. W. Merian und Prof. Dr. Jacques Handschin

1935
Erste Einreichung einer Komposition zur Begutachtung
an die Verlage Breitkopf Härtel in Leipzig und Schott’s Söhne in Mainz sowie an Conrad Beck, Komponist, Basel; Zurückweisung

1936 –1939
Sporadische Unterweisung in Komposition durch den Komponisten Albert Moeschinger

28.9.1939
Einzug als Soldat an die Grenze

1943 (?) –1960
Kompositionsunterricht und Studium der Zwölftontechnik bei Wladimir Vogel, seinem wichtigsten Lehrmeister.

(Vogel kam von der russischen Tradition (Skrjabin) her und war in den 20er-Jahren Schüler von Busoni in Berlin. Er lebte vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg im Tessin, wo er Schüler aus ganz Europa in der Zwölftontechnik unterwies).

1944 – 1947 (belegt)
Orgelunterricht bei F. Brodtbeck in Basel, Johanneskirche

1947
Uraufführung des Trio für Flöte, Klarinette und Fagott anlässlich eines Hauskonzertes bei Hermann Gattiker
in Bern (sein erstes Werk, das vor Publikum aufgeführt wurde).

Der Berner Hermann Gattiker war Publizist und Förderer der zeitgenössischen Musik und Initiator der «Gattiker Hausabende», die zwischen 1940 und 1967 das Musikleben in der Schweiz entscheidend prägten).

1948
Teilnahme an der Konferenz (Vorbereitung) zum
1. Internationalen Zwölftonkongress in Orselina TI, der
von Wladimir Vogel initiiert wurde und 1949 in Mailand stattfand.

1948 –1957
Diverse Aufführungsgesuche bei Radio Studio Basel (Conrad Beck) und Zürich (Rolf Liebermann); beim Dirigenten Paul Sacher; bei Scherchen, Dirigent des Radioorchesters Zürich, der Interesse an einer Aufführung zeigt, sie aber nicht durchführt.

1949
1. Orchesterleseprobe Tonhalle Zürich (Volkmar Andreae)

1949–1989
Wiederaufnahme Kontakt mit Albert Moeschinger (langjähriger Briefwechsel)

1950
Weiterbildung in der Zwölftontechnik beim Komponisten René Leibowitz in Paris
(René Leibowitz setzte sich intensiv mit Arnold Schönberg und seinen Schülern auseinander. Er sorgte für die Verbreitung der Zwölftonmusik in ganz Europa)

1952
Erneute Kontaktaufnahme mit dem Schweizerischen Tonkünstlerverein. Einreichung der Partitur «Allegro
deciso e risoluto» für Streicher und Bläser. Ablehnung ohne Begründung. Das gleiche Gesuch geht an Heinrich Strobel, Leiter SWF. Ablehnung.

1954 und 1956

Erneute Gesuche (Orchesterstück Nr. 5) für eine Orchesterleseprobe beim Schweizerischen Tonkünstlerverein. Ablehnung ohne Begründung.

1955
2. Orchesterleseprobe Radioorchester Zürich (Erich Schmid)

1955 od. 1957
Besuch bei Hermann Heiss in Darmstadt (privates Elektronikstudio).

1965
Aufführungsgesuch mit Einreichung des «Stückes für grosses Orchester und Klavier» beim Südwestfunk Baden-Baden; Zurückweisung.

1973
Nach der Pensionierung Umzug in den Kanton Waadt (Yvonand und Yverdon)

1975
Einführung durch Hans Peter Haller in die Elektronik im Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestfunks in Freiburg i.Br.

1976
Realisierung des ersten elektronischen Werks Klangschichten für Zweikanaltonband.
Verleihung des Werkpreises des Kantons Solothurn und Uraufführung Klangschichten.

1999
Rückkehr von Yverdon nach Zullwil/SO in sein ehemaliges Zuhause, wo er bis zum Tod lebte.

19. August 2002
Tod von Hermann Meier


Zusammengestellt von Veronika Oesch-Meier 24.9.2012

Marie und Hermann Meier-Gasser 1933

Selfie anno 1936

Hermann Meier in Yverdon 1979

Hermann Meier in Zullwil 2000

Ein persönliches Portrait

von Veronika Oesch-Meier


(Aus der Jubiläumsschrift "Hermann Meier – Konzert zum 100. Geburtstag in Laufen BL am 23.9.2006")

 

Im Jahre 1926 wurde Hermann Meier als blutjunger Lehrer ins kleine solothurnische Dorf Zullwil «verbannt», wie er es nannte. Damals galt der Bezirk Thierstein, zu dem der Ort Zullwil gehört und der viel näher bei Basel als bei der Kantonshauptstadt Solothurn liegt, als ziemlich vernachlässigt und war keineswegs attraktiv für junge Leute. Zu jener Zeit hätte sich der junge Lehrer nicht vorstellen können, dass er den grössten Teil seines Lebens an diesem abgelegenen Ort verbringen würde. Doch mit der Zeit fing er an, diese schöne Jura-Landschaft zu lieben und sich heimisch zu fühlen. Bald entdeckte er auch die Vorzüge des geografisch nahe gelegenen Basels, die Stadt, die ihm tausend Möglichkeiten in kultureller wie auch in intellektueller Hinsicht bieten sollte.

Hermann Meier war musikalisch hoch begabt. Schon früh erhielt er in Solothurn Klavier- und Orgelunterricht. Später liess er sich in diesen Disziplinen und in theoretischen Fächern am damaligen Konservatorium in Basel, teilweise auch im Privatunterricht, weiterbilden. Er war ein begnadeter Klavier- und Orgelspieler und er wusste auch mit der Geige umzugehen. Während Jahren dirigierte er die Chöre im Dorf und in der Umgebung und erteilte Klavierunterricht. Basel wurde «seine» Stadt, die er – wann immer möglich – besuchte, obwohl der Hin- und Rückweg für ihn sehr beschwerlich war. Meier besass sein Leben lang kein Auto.

1948 mit Wladimir Vogel

In seinen jungen Jahren schon galt sein Hauptinteresse der Neuen Musik, die damals in Basel vorwiegend durch den gleichaltrigen Paul Sacher, in Hauskonzerten oder etwa bei der noch jungen IGNM, aufgeführt wurde. Ungefähr zu jener Zeit fing Meier zu komponieren an. In Kursen für Theorie und Komposition an der Musik Akademie Basel und auch als Autodidakt erarbeitete er das nötige Wissen.

1937 schrieb er (vermutlich) sein erstes Klavierstück in 2 Sätzen. In der Folge entstanden Sinfonien, Orchesterwerke, mehrere Stücke für Streicher und Bläser, Vertonungen von Gedichten und viele Klavierstücke. 1946 komponierte er das Trio für Flöte, Klarinette und Fagott, sein erstes Werk überhaupt, das vor Publikum aufgeführt wurde. Es war der Berner Hermann Gattiker, Publizist und Förderer zeitgenössischer Musik, der das Trio am 10.4.1947 anlässlich eines Hauskonzertes in Bern aufführen liess. In den Jahren 1951 und 1967 erfolgten dort zwei weitere Aufführungen.* In den folgenden Jahren aber hörte man nur wenig bis gar nichts mehr von Meiers Musik. Es war die Zeit, in der er mehrere Werke für Klavier, Cembalo und elektrische Orgel schrieb und anfing, sich mit der Elektronik zu beschäftigen. Erst in den 80er-Jahren interessierte sich die Konzertgesellschaft „Neue Horizonte Bern“ für Meiers Werke und führte mehrere Stücke von ihm auf.

 

Warum die Werke von Hermann Meier anfänglich höchst selten und in Basel nie aufgeführt wurden, obwohl er gerade in Basel kein Unbekannter war, müsste genauer erforscht werden. Lag es vielleicht daran, dass er als Komponist quer in der Musiklandschaft lag und in kein Konzept hinein passte? Oder lag es vielleicht an ihm selber, an seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung, dass er keinen Erfolg zeitigte? Bekannt ist, dass Meier sich anfangs der 50er-Jahre um eine Aufführung beim Tonhalle- und später beim Radioorchester in Zürich bemüht hat. Er stand auch in Verhandlung mit dem Südwestfunk Baden-Baden. Aber er erhielt nur Absagen. Es war nicht seine Art, sich und seine Musik zu „verkaufen“. Zu sehr plagte er sich mit Selbstzweifeln und Selbstkritik. Sein Beruf als Lehrer brachte ihm nicht die nötigen finanziellen Mittel, um selber etwas zu unternehmen; denn die Lehrer waren damals wie zu Gotthelfs Zeiten schlecht bezahlt. Er träumte davon, hinaus in die grosse Welt zu ziehen, wünschte sich Manhatten und Brasilia zu sehen; doch er war gebunden, hatte er doch eine siebenköpfige Familie zu ernähren.

 

Unbeirrt von all den Enttäuschungen komponierte er weiter für die „Schublade“, wie er einmal sagte, denn das Komponieren sei ein Drang, ja ein Fluch, dem er nicht entrinnen könne. So schrieb er ein Oevre, das rund 100 Werke umfasst. Sein Nachlass enthält entsprechend viele Skizzen und „Pläne“, wie er seine geometrisch angeordneten Grafiken nannte, die er jeweils als Grundriss für ein Werk anfertigte und schliesslich in Noten umschrieb. Einige der Pläne sind mehrfarbig und meterlang, je nach Dauer des Stückes. Darunter befinden sich ein paar Exemplare, die man durchaus als abstrakte Kunst bezeichnen darf. In den 90er-Jahren beschränkte sich Meier nur noch darauf, seine Kompositionen, die wiederum wie Grafiken aussehen, mit Tinte auf Transparentpapier festzuhalten. Gesamthaft befinden sich rund 200 Grafiken im Nachlass. Seine Notizen, Gedanken und Visionen hielt Meier zeitlebens in Stenographie fest, was ein schneller Einblick in seine Schriften beinahe verunmöglicht.

Wenn man die über Hermann Meier bisher publizierten Programme, Kritiken und kleinen Berichte überblickt, so sollte er heute kein unbeschriebenes Blatt mehr sein. So wird er beispielsweise als Aussenseiter, Monolith, ein Querdenker oder als eigenwilliger und genialer Komponist bezeichnet. Ein Kritiker, der von seiner Musik begeistert schien, nannte ihn ein „Findling in der Musiklandschaft“. Oft ist auch die Rede von Meiers Radikalität und kompromissloser Beharrlichkeit in seiner Musik.

1945

Im Jahr 1950 liess sich Hermann Meier beim Komponisten René Leibowitz in Paris in der Schönberg’schen Zwölftontechnik weiterbilden. Leibowitz, der sich intensiv mit Arnold Schönberg und seinen Schülern auseinander gesetzt hatte, trug stark zur Verbreitung der Zwölftonmusik in der europäischen Nachkriegsavantgarde bei. Um 1950 herum beschäftigte sich Meier vorwiegend mit Orchesterstücken. Sein Schaffen war von Vogels und Leibowitz’ Einfluss geprägt.

Der junge Winterthurer Pianist Dominik Blum fing vor rund 20 Jahren an, sich intensiv mit der Musik von Hermann Meier auseinander zu setzen. Er war überaus begeistert von seiner Musik und führte sie öfters auf. Im Jahr 2002 realisierte er schliesslich die erste CD mit einigen von Meiers Klavierwerken. In einem Text beschreibt er Hermann Meiers Musik als „konstruktiv und dennoch energiegeladen; sie ist eigenständig, sperrig und dennoch von einer grossen Sinnlichkeit und Poesie“.** Blum ordnet ihn zudem ein als Dodekafonist, Serialist und Avantgardist, der anfangs der 60er-Jahre zur Technik der Clusterfelder wechselte, die er collageartig gegeneinander setzte. Blum verweist auf das Klavierstück 1968 als ein Beispiel für die Clustertechnik.
 

Hermann Meier war sein Leben lang auf der Suche nach etwas Neuem. Am 9.2.1977 schrieb er einem Publizisten, der ihn um Auskunft über Wladimir Vogel bat, Folgendes: „Er (Vogel) kritisierte meine allzu mathematische Haltung, verwies mich aber 1955 an Eimerts elektronisches Institut in Köln. Leider befolgte ich diesen Rat nicht und begann dahin zu serbeln, indem ich instinktlos im Grund elektronische Musik für Orchester bastelte und damit weder Vogel noch Fisch erzeugte…“. Erst zwanzig Jahre nach Vogels Empfehlung gelang es dem bereits 70-jährigen Komponisten, sich unter der Leitung von Hans Peter Haller in die elektronische Musik im Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestfunks in Freiburg einführen zu lassen. 1975 entstand das Stück Klangschichten, für das er 1976 mit dem Werkpreis des Kantons Solothurn ausgezeichnet wurde. Von da an beschäftigte er sich ausschliesslich mit der Elektronik, die er im oben erwähnten Brief als „Vulkanismus, das Gebären eines neuen Kontinents“ beschrieb. Das, was er früher geschrieben hatte, interessierte ihn kaum noch.

 

Seit den Anfängen seines Komponierens galt Wladimir Vogel, den er schon in den frühen 40er-Jahren kennen gelernt hatte, als sein grosser Lehrmeister, mit dem er bis zu dessen Tod in regem Kontakt und in freundschaftlicher Beziehung stand. Bei ihm erlernte er die Zwölftontechnik. Er verehrte ihn sehr und daher war es für ihn eine grosse Ehre, als Vogel ihm in Zullwil einen Besuch abstattete. Wladimir Vogel, der von der russischen Tradition (Skrjabin) geprägt und später in seiner Berliner Zeit Schüler von Busoni war, wandte als einer der Ersten die Zwölftontechnik an. Während des Zweiten Weltkrieges und den Jahren danach lebte er im Tessin, wo er Ende der 40er-Jahre Schüler aus ganz Europa (u.a. Jacques Wildberger, Robert Suter, Eric Bergmann) in der Zwölftontechnik unterwies. 1948 organisierte er eine Konferenz in Orselina bei Locarno, bei der u.a. Dallapiccola, Malipieri, Erich Schmid und auch Hermann Meier anwesend waren, um den 1. internationalen Kongress für Zwölftontechnik in Mailand (1949) vorzubereiten.***

1948

Die grossen Vorbilder, von denen sich Hermann Meier inspirieren liess, war in erster Linie Mondrian, den er für den genialsten Maler seiner Zeit hielt, aber auch der brasilianische Architekt Oskar Niemeyer, der Miterbauer von Brasilia. Meier widmete ihm 1966 das Stück für Streicher, Bläser und Klavier, und es existiert ein Grundriss zu Niemeyer II (für 2 Hammondorgeln, 2 Klaviere, Streicher). Auch andere grosse Denker seiner Zeit inspirierten ihn wie etwa der Physiker Werner Heisenberg (Quantentheorie), dem er 1968 ebenfalls eine Komposition widmete.

 

Meier galt als Intellektueller, der sich neben der Musik auch intensiv mit den Philosophen Hegel, Kant, Jaspers, Nietzsche u.a.m. auseinander setzte. Er interessierte sich ferner für Themen wie Mathematik, Astronomie und Geologie. Kurz, er war überaus belesen und verfügte über ein enormes Wissen.

Die Natur spielte im Leben Hermann Meiers ebenfalls eine wichtige Rolle. Stundenlang streifte er in den Wäldern umher, um seinen Kopf «auszulüften» und neue Kraft zu schöpfen. Stets hatte er etwas zum Schreiben bei sich, um die Einfälle in Stenographie festzuhalten. Zu Fuss ging er ins Wallis, das er über alles liebte. Dort bestieg er einige der Viertausender. Als über Sechzigjähriger versuchte er es ein letztes Mal und bestieg – zusammen mit seinem ältesten Sohn und einem Bergführer – das Bietschhorn.

Töffservice 1932

Nach dem Hinschied seiner Ehefrau Marie, der Mutter seiner fünf Kinder, und seiner Pensionierung zog Hermann Meier im Jahr 1973 ins Welschland. Zuerst wohnte er in Yvonand und später – zusammen mit seiner Lebenspartnerin Helen Stebler – in Yverdon. Insgesamt verbrachte er 25 Jahre am Neuenburgersee. Er mochte die Welschen gern, weil sie ihn angeblich in Ruhe liessen. Drei Jahre vor seinem Tod kehrte er nach Zullwil in sein einstiges Heim zurück, wo er bereits pflegebedürftig von seinem Sohn Alfons und dessen Ehefrau Beatrice aufgenommen und bis zum Tod betreut wurde. Er verstarb 96-jährig am 19. August 2002.

 

*      Doris Lanz „Neue Musik in alten Mauern“, S. 225, 233 und 271

**    Programmtext vom 7.4.2001

***   Hans Oesch „Wladimir Vogel“, S. 91-92